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Quantensprung im Holzbau: Automatisiertes Dämmen von Holzrahmenkonstruktionen

In Donaueschingen kamen am 30. März 2017 rund 100 Unternehmer aus dem Holzbau zum Forum „Einblastechnik 4.0“ zusammen. Es ging um ein Thema, das in ihren Unternehmen zu tiefgreifenden Veränderungen führen könnte: Die Firmen Weinmann, Isocell und Gutex stellten eine neue Technologie zum voll-automatischen Einbringen loser Dämmstoffe in Holzrahmenkonstruktionen vor.

Der Tag begann mit einer kurzen Vorstellung der drei Firmen, die zum Forum einluden: ISOCELL, dem Spezialisten für lose Einblasdämmung, WEINAMNN als innovativer Hersteller von Anlagen für den Holzbau und GUTEX, dem Qualitätsanbieter von ökologischen Holzfaserdämmstoffen.

ISOCELL ist bereits seit 1992 als Anbieter von Zellulosedämmstoff auf dem Markt. Inzwischen versteht sich das in Neumarkt am Wallersee ansässige Unternehmen als Dienstleister und Systemanbieter rund um die Einblasdämmung, der Anwendern nicht nur die komplette Einblastechnologie, sondern auch das passende Zubehör wie Luftdichtheitssysteme, Dach- und Fassadenbahnen, samt Abdichtungs- und Klebetechnik. Zu den Dienstleistungen gehören Blower-Door-Tests, Seminare und Schulungen.

Ökologische Dämmstoffe

Zellulose und Holzfaserdämmung sind natürliche Dämmstoffe, die diffusionsoffene Konstruktionen mit angenehmem Raumklima ermöglichen, ein hohes Wärmespeichervermögen aufweisen und durch ihr gutes Sorptionsverhalten einen wirkungsvollen Feuchtepuffer in der Konstruktion bilden. Außerdem verbessern sie die bauphysikalische Bauteilsicherheit und den Schallschutz.

Beide Dämmstoffe weisen eine sehr gute Energiebilanz in der Herstellung auf, sind CO2 neutral und binden zusätzlich für den Zeitraum ihrer Verwendung CO2 aus der Atmosphäre.

Sowohl Holzfaserdämmung von GUTEX als auch ISOCELL Zellulosedämmung sind natureplus-zertifiziert und können nicht nur zur Herstellung neuer Holzfaserprodukte genutzt oder thermisch verwertet, sondern am Ende ihres Nutzungszyklus auch kompostiert werden. Speziell für den automatischen Einblasvorgang hat GUTEX eine modifizierte Holzfaser namens „Thermofibre FQ“ (Fertighausqualität) mit optimierten Eigenschaften für den Einsatz in der Vorfertigung entwickelt.

Neue Technik mit vielen Vorteilen

Die Kombination von Einblasplatte und Multifunktionsbrücke bietet Holzhausunternehmen erstmals die Möglichkeit, vollautomatisch, rationell und mit abschließender Sichtkontrolle lose Dämmstoffe in ihre Holzrahmenkonstruktionen einzubringen.

Beim Einblasen übernimmt die Multifunktionsbrücke die Aufgabe, die Einblasplatte vollautomatisch zu positionieren und die Daten aus der Arbeitsvorbereitung – zum Beispiel Bauteilgeometrie und -größe, Dämmstoffart und Dämmstoffmenge – über eine spezielle Schnittstelle zu übergeben. Anhand dieser Daten füllt die Einblasplatte als autonome Einheit jedes Gefach mit Dämmstoff, auch kleine Gefache und Sonderformen sind kein Problem.

Während des Einblasvorgangs kontrolliert die Einblasplatte im Zusammenspiel mit einer Großballenanlage plus Wiegeeinheit laufend, wie viel Dämmstoff bereits in das Gefach eingeblasen wurde. So wird gewährleistet, dass die Verdichtung des schnell und gleichmäßig eingebrachten Dämmmaterials den Vorgaben des Herstellers entspricht, wodurch den Holzbauunternehmen auf der Basis des Einblasprotokolls die Setzungsfreiheit garantiert wird.

Zu den Vorteilen der neuen Technologie gehören eine konstant hohe, nachweisbare Qualität der Dämmung, eine Steigerung der Effizienz sowie eine hohe Flexibilität bei der Wahl der Dämmstoffe. Außerdem führt die neue Technik dank ergonomischer Arbeitsabläufe und einer deutlich geringeren Staubbelastung zu einer Humanisierung der Arbeitsplätze. Zudem verringert sich der Aufwand für Lagerhaltung und Dämmstoffmanipulation erheblich, da der Dämmstoff per Schlauchleitung direkt zur Maschine transportiert wird.

Je nach geforderter Kapazität gibt es verschiedene Möglichkeiten für das vollautomatische Einblasen, angefangen von einer WMS 150 blowTEC mit integrierter Einblasplatte für die Fertigung von 30-50 Häusern im Jahr bis hin zu größeren Varianten mit separater Einblasbrücke für Kapazitäten bis zu 400 Häuser pro Jahr und mehr.

Rentabel schon ab 30 Häusern

Aufhorchen ließ die Teilnehmer eine Rentabilitätsrechnung für die WMS 150 blowTEC, die WEINMANN Geschäftsführer Hansbert Ott an das Ende seines Vortrages stellte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die laufenden Kosten für die Produktionstechnik durch Einsparungen bei Personal und Material nicht nur kompensiert, sondern darüber hinaus sogar Einsparungen erzielt werden. Beim Einsatz einer Holzfaserdämmung kommt man so bereits ab einer Jahresproduktion von 30 Häusern in die Gewinnzone. Noch besser sehen laut Hansbert Ott die Zahlen bei einer Investition in eine separate Dämmbrücke für Kapazitäten von 100-400 Häusern aus.

Bemerkenswert: Die Einsparpotentiale sind bei Holzfaserdämmstoffen deutlich höher als bei Mineralwolle. Fazit: Der Einsatz der neuen Technik ist sowohl für Unternehmen aus dem handwerklichen Holzbau als auch für große Fertighausfirmen rentabel.

Mehrwert für wenig Aufpreis

Dies umso mehr, als sie ihren Kunden nahezu preisgleich nachhaltige und ökologische Dämmstoffe anbieten könnten. Dies zeigte Dipl.-Ing. Walter Meyer, der in seinem Vortrag konventionelle und mit Holzfasern gedämmte Bauteile unter bauphysikalischen und wirtschaftlichen Aspekten miteinander verglich. Dazu stellte Meyer die technischen Daten klassischer Bauteile mit Mineralfaserdämmung im Gefach und einer Außendämmung aus Polystyrol den Daten von zwei Eco-Varianten gegenüber. Variante Eco 1 war mit einer Außendämmung aus Holzfaserdämmplatten versehen, Variante Eco 2 zusätzliche mit einer Holzfaser-Einblasdämmung im Gefach.

Im Vergleich schnitten die mit Holzfaser gedämmten Konstruktionen zwar beim U-Wert etwas schlechter ab, punkteten dafür aber beim bis auf ein Viertel reduzierten Temperaturamplitudenverhältnis, bei einem bis zu 3 dB besseren Schallschutz und bei der Phasenverschiebung. Letztere spielt heute angesichts großer Dämmstärken keine so große Rolle mehr wie noch vor einigen Jahren. Andererseits wirken sich laut Meyer die besseren Werte der Holzfaserdämmung unter dem Dach immer noch deutlich aus, wo sie im Sommer für bis zu 2 Grad niedrigere Temperaturen sorgen.

Konstruktionsbedingt fällt bei den Dachelementen der Variante Eco 2 ein Aufpreis von 1000 Euro/Haus an, für den die Hausfirma aber neben einem besseren sommerlichen Wärmeschutz eine ökologische und nachhaltige Bauweise anbieten kann. Bei Außen- und Innenwänden entsteht durch die Eco-Variante kein Aufpreis. Hier profitiert der Kunde nicht nur von den ökologischen Vorteilen, sondern auch von den leicht verbesserten Schallschutzwerten. Der Kunde bekommt also für einen geringen Aufpreis einen Mehrwert, der das Holzbauunternehmen vor allem in den Augen ökologisch orientierter Zielgruppen attraktiver machen dürfte. 

Einblastechnik 4.0 in der Praxis

Die Veranstaltung endete mit einer Firmenbesichtigung der Fluck Holzbau GmbH in Blumberg, wo die Teilnehmer die neue Technik in der Praxis begutachten konnten. 2003 gegründet, ist die ZimmerMeisterHaus-Manufaktur Fluck heute mit 32 Mitarbeitern im Ein- und Zweifamilienhausbau, im mehrgeschossigen Wohnungsbau sowie im Industrie- und Gewerbebau aktiv. Daneben übernimmt sie Aufträge aus dem Modernisierungsbereich.

Ende 2016 ist Fluck Holzbau in ein neues Firmengebäude umgezogen und verfügt seither über eine weitgehend automatisierte Elementfertigung. Deren Herzstück ist die WEINMANN WMS 150 blowTEC, die neben dem vollautomatischen Befestigen und Bearbeiten der Holzrahmenbeplankung auch das vollautomatische Dämmen per Einblasplatte übernimmt. Damit ist die Zimmerei das erste Unternehmen in Europa und das zweite weltweit, das die neue Dämmtechnik in seinen Produktionsprozess integriert hat. Die weltweit erste Anlage lieferte WEINMANN Anfang 2016 an BlueprintRobotics in den USA.

Geschäftsführer Florian Fluck sieht die neue Dämmtechnik rundum positiv: „Wir sind sehr zufrieden, weil die Anlage absolut so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben. Wichtig ist für uns als kleineres Unternehmen vor allem, dass sich die Standzeiten der Multifunktionsbrücke durch das Einblasen der Dämmung gegen Null reduzieren.“ Die große Zahl an Interessenten aus dem Holzhausbau lässt vermuten, dass sein Unternehmen nicht das einzige mit der neuen Technik bleiben wird.

 

Quelle Bildmaterial / Redakteur: Dr. Joachim Mohr

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