01.02.2013   |   Aserbaidschan

Länderreport ASERBAIDSCHAN - der lange Weg nach Baku

„Aserbaidschan? Wo bitte liegt denn das?“ Selbst für viele reiseerprobte Manager der Möbelbranche ist der Binnenstaat in Vorderasien ein unbeschriebenes Blatt. Dabei ist das Land zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus ein echter Hidden Champion. Durch die enormen Erdöl- und Gasvorkommen zählt Aserbaidschan zu den reichsten Regionen der ehemaligen Sowjetunion und bietet auch für die Möbelindustrie interessante Potenziale. Hendrik Albers von der Unternehmensberatung Schuler Consulting berichtet im zweiten Teil unserer Serie „Länderreport“ vom äußersten Rand Europas.

Als ich zum ersten Mal hörte, dass Schuler Consulting einen weiteren Kunden in Aserbaidschan gewonnen hat und ich diesen betreuen darf, fragte ich mich, was da auf mich zukommt. Geografisch, wirtschaftlich und politisch wusste ich über das Land so gut wie nichts. Da es den meisten Lesern genauso gehen dürfte, zunächst ein paar allgemeine Informationen. Aserbaidschan liegt in Vorderasien und grenzt an Russland, Georgien, Armenien und den Iran. Früher war die Republik ein Teilstaat der Sowjetunion, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde sie 1991 unabhängig. Die Hauptstadt Baku ist eine bedeutende Hafenstadt am Kaspischen Meer mit 2,1 Mio. Einwohnern. Die Gesamtfläche des Landes beträgt 86 600 m². Aserbaidschan hat rund 9,5 Mio. Einwohner.

Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr 3,8 Prozent (geschätzt) – nach 0,1 Prozent 2011, 5 Prozent 2010 und 9,3 Prozent 2009. Die Staatsverschuldung beträgt 5,5 Prozent. Aserbaidschan versteht sich selbst als „Brücke zwischen Europa und Asien“. Über 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, die Religion spielt im täglichen Leben jedoch keine übergeordnete Rolle.

Land und Leute, insbesondere in Baku, haben mich im Rahmen meiner Tätigkeit von Anfang an positiv überrascht. Die Menschen sind äußerst freundlich, zuvorkommend und westlich orientiert. Das Essen, das mit der türkischen Küche vergleichbar ist, kann man sehr empfehlen. Ebenso das lokale Bier „Xirdalan“ – besonders, wenn man es nach Feierabend und bei einem lauen Lüftchen an der Promenade von Baku genießt. Der sogenannte „Baku Boulevard“ soll mit knapp 4 Kilometern Länge eine der längsten Promenaden der Welt sein. Das muss er auch, denn es strömen gefühlt täglich alle 2 Mio. Einwohner Bakus hierher, um zu flanieren. Ich kann das durchaus nachvollziehen, denn nichts bietet sich besser an, um dem hektischen Treiben dieser Großstadt mit seinen automobilverseuchten Straßen zu entkommen.

Am „Boulevard“ hat man einen wunderbaren Blick auf das Kaspische Meer und die zwei Gesichter der Stadt: das historische, frisch renovierte Baku mit seinem Stadtkern aus dem 11. Jahrhundert, der zurecht den Titel UNESCO-Weltkulturerbe trägt, und das moderne Baku mit seinen neuen faszinierenden Gebäuden wie die „Flame Towers“ oder der über alles thronende Fernsehturm. Die fantastische und zugleich verschwenderische Beleuchtung der Gebäude leistet man sich in Baku gerne, denn die Energie wird praktisch vor der Haustür gefördert. Die Erdölpumpen sind selbst im Stadtgebiet omnipräsent.

Wer ein wenig Abenteuerlust mitbringt, sollte sich darüber hinaus das Lebensgefühl des echten, ursprünglichen Aserbaidschans außerhalb der Hauptstadt nicht entgehen lassen. Auch wenn mein Arbeitskollege nach einer Firmenbesichtigung im 300 Kilometer entfernten Hinterland sagte, er sei froh, wieder aus der „tiefsten afrikanischen Wüste“ zurückgekehrt zu sein. Gemieden werden sollten allerdings die Region Bergkarabach sowie die im Südwesten gelegenen Bezirke Aserbaidschans. Dort herrscht ein fortdauernder militärischer Konflikt. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in diese Regionen eindringlich ab. Rund um den Eurovision Song Contest 2012 kam es auch zu kritischen Berichterstattungen über die Menschenrechtssituation in Baku. Hierzu möchte ich anmerken, dass es meiner subjektiven Meinung nach den Menschen gut geht und dass Aserbaidschan gefühlt weit davon entfernt ist, ein totalitärer Staat zu sein.

Der erste Kontakt von Schuler in Aserbaidschan war zugleich der größte Möbelproduzent in der Region. Ein Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, neben dem lokalen Markt aus seinem Heimatland heraus zuerst die angrenzenden Nachbarländer mit Möbeln zu beliefern, aber auch Produktionen vor Ort aufzubauen. Daraus resultierte eine Konzeptionierung für eine neue Fertigung in der Ukraine. Dieser Kunde ist technologisch und organisatorisch gut aufgestellt, doch fehlt es oft am grundsätzlichen Verständnis bezüglich einer effizienten Möbelfertigung. Selbst bei exponentiell steigender Variantenanzahl wird weiterhin oft in unflexible Standardmaschinen mit hohen Rüstzeiten investiert.

Dem Inhaber ist durchaus bewusst, dass er Unterstützung benötigt – das war auch der Grund für das Engagement von Schuler Consulting. Gemeinsam mit den jeweiligen Teams wurden Themen wie Produktionsplanung, Kostenrechnung und Kalkulation, Qualitätsmanagement sowie Ansätze zur Reduzierung des gebundenen Kapitals speziell angepasst auf die Möbelindustrie erarbeitet und direkt umgesetzt. Der Kunde war begeistert zu sehen, wie sein hochmotiviertes, gut ausgebildetes junges Team sich der Probleme angenommen hat und gemeinsam mit externer Hilfe eine Strategie zur Weiterentwicklung der Firma erarbeiten konnte. Die Dynamik, die aus solch einem jungen Land kommt, strahlt bis nach Russland aus. Der Messeauftritt, den unser Kunde in Moskau hingelegt hat, ist auf alle Fälle internationales Niveau.

Eines der Hauptprobleme der Möbelindustrie in Aserbaidschan ist die Versorgung mit Rohstoffen wie zum Beispiel Plattenmaterialien. Diesem Engpass hat ein weiterer Kunde nun entgegengewirkt und eine MDF-Produktionsanlage aus China für 4 × 8 ft im Kurztaktverfahren aufgebaut. Leider wäre der Bedarf an Spanplatten größer gewesen. Aus diesem Grund sollten wir Ende des Jahres 2011 Ideen und Konzepte entwickeln, wie die Wertschöpfung erhöht werden kann. Die ersten Ideen waren neben Laminat-Fußboden auch Möbel, doch wurde dieser Ansatz zurückgestellt, weil es im Land schon hohe Kapazitäten in der Möbelproduktion gibt. Im Bereich Bauelemente wurde in der Konzeptionierungsphase ein höheres Potenzial erkannt – so konnten wir die erste industrielle Türenproduktion in Aserbaidschan planen.

Mit den beiden Produktionen ist der Kunde nun in der Lage, seine selbst hergestellten MDF in großem Umfang weiter zu verarbeiten. Eine Aufgabenstellung im Projekt war die Ausplanung einer Laminatfußbodenfertigung in einem bestehenden Gebäude. Die Fußbodenfertigung besteht im Wesentlichen aus einer Kurztaktpresse zum Beschichten der rohen MDF sowie einer verketteten Fertigungslinie zum Bearbeiten der beschichteten Platten. Die Fertigung wurde auf eine Kapazität von rund 4 Mio. m² pro Jahr in drei Schichten ausgelegt. Das entspricht einer Taktleistung von 150 Takten pro Stunde (24 Sekunden pro Takt) in der Presse bzw. einer Leistung von 60 Paneelen pro Minute in der Fertigungslinie. Neben der Fußbodenfertigung erarbeitete Schuler zuerst eine Auswahl an möglichen Produkten, um die im eigenen Werk hergestellten MDF optimal nutzen zu können. Zusammen mit den Vertriebs- und Marketingexperten wurde im Zuge der Produktfindung das Produkt „Zimmertüren“ ausgewählt und anschließend ein Konzept für die Herstellung des neuen Produktes erarbeitet.

Schuler wurde mit der Ausplanung der Fertigung beauftragt. Die Zimmertürenfertigung wurde auf eine Leistung von 250 Stumpftüren inklusiv Zargen pro Schicht ausgelegt. Bemerkenswert ist, dass der Kunde zukünftig melaminbeschichtete, kaschierte und furnierte Türen und Zargen in einem Werk fertigen wird. Somit ist die Fertigung flexibel konzipiert und kann optimal auf die zukünftigen Anforderungen des Marktes reagieren. Durch die Erfahrung bei der Erstellung von Produktionskonzepten wurden schnell die passenden Maschinen für die Realisierung der effizienten Fertigung bestimmt. Das aus internationalen Spezialisten bestehende Team des Kunden wirkte aktiv bei der Gestaltung der Türenfertigung mit.

Angefangen vom Design des Produktionsgebäudes und der Nebengebäude inklusive Verwaltung und Entsorgung über den Materialfluss, der die Fertigungsphilosophie widerspiegelt, bis hin zum Verladen der Ware auf Lkws wurde an alles gedacht. Dem Kunden waren eine ganzheitliche Beratung vom Produkt bis hin zur fertigen Fabrik und die daraus resultierende schnelle Realisierung besonders wichtig. Die Inbetriebnahme ist für das zweite Quartal 2013 vorgesehen.

Bis dahin ist noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Es bleibt also spannend, doch gerade das macht den Reiz meines Berufes aus. Zudem ist Aserbaidschan auch unabhängig von der Arbeit auf jeden Fall eine Reise wert. Und so freue ich mich schon auf den nächsten Besuch in dem Land aus Tausend und einer Nacht.

 

 

Autor und Bilder: Hendrik Albers

Dieser Artikel ist im Fachmagazin HK, 02/2013 abgedruckt. Hier lesen Sie den Artikel auf hk-magazin.com

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